Ein Team gewinnt 1:0, hat aber kaum Torchancen. Ein anderes verliert, obwohl es das Spiel dominiert hat. Das Ergebnis allein erzählt oft nur die halbe Geschichte. Genau hier setzen Expected Goals an, kurz xG. Die Kennzahl gehört inzwischen zu jeder Bundesliga-Übertragung. Dieser Beitrag erklärt, wie sie entsteht, wie man sie liest und wo ihre Grenzen liegen.
Das Wichtigste in Kürze
- Expected Goals geben für jeden Torschuss an, wie wahrscheinlich ein Tor ist. Der Wert liegt zwischen 0 und 1.
- Grundlage sind Zehntausende vergleichbare Schüsse aus der Vergangenheit.
- Addiert man alle Schüsse eines Teams, erhält man dessen xG für ein Spiel oder eine Saison.
- xG bewerten die Qualität der Chancen, nicht die Qualität des Abschlusses.
- Jeder Datenanbieter rechnet mit einem eigenen Modell. Die Werte können deshalb voneinander abweichen.
Was Expected Goals messen
Ein xG-Wert beantwortet eine einfache Frage: Wie oft wird aus einer solchen Situation ein Tor? Ein Wert von 0,25 bedeutet, dass vergleichbare Schüsse in der Vergangenheit in etwa einem von vier Fällen im Tor gelandet sind. Ein Wert von 0,03 steht für einen Versuch, der nur selten erfolgreich ist, etwa ein Distanzschuss mit mehreren Gegenspielern in der Schussbahn.
Wichtig ist der Blickwinkel: xG beurteilen die Chance in dem Moment, in dem der Ball den Fuß oder Kopf verlässt. Ob der Schuss danach ins Tor geht, an den Pfosten oder auf die Tribüne, ändert den Wert nicht.
Wie ein xG-Wert entsteht
Ein statistisches Modell vergleicht jeden Schuss mit sehr vielen ähnlichen Abschlüssen aus der Vergangenheit. Die wichtigsten Faktoren sind bei fast allen Anbietern gleich:
- Entfernung zum Tor: Je näher, desto höher der Wert.
- Schusswinkel: Aus zentraler Position ist mehr vom Tor sichtbar als von der Grundlinie.
- Art des Abschlusses: Kopfbälle haben bei gleicher Position meist einen niedrigeren Wert als Schüsse mit dem Fuß.
- Gegnerdruck: Wie viele Verteidiger stehen in der Nähe oder in der Schussbahn?
- Position des Torhüters: Ein weit herausgelaufener Keeper verändert die Chance erheblich.
- Spielsituation: Konter, Standardsituation, Flanke oder Steilpass führen zu unterschiedlich guten Chancen.
Der Datenanbieter Opta berücksichtigt nach eigenen Angaben mehr als 20 Variablen. Das xGoals-Modell der Bundesliga, das die DFL gemeinsam mit Amazon Web Services entwickelt hat, wurde mit mehr als 40.000 Bundesliga-Schüssen seit 2017 trainiert. Es misst unter anderem den Abstand zum nächsten Verteidiger und den Druck auf den Schützen.
Der Elfmeter als Sonderfall
Beim Strafstoß ist die Situation immer gleich: elf Meter, kein Gegnerdruck, gleicher Winkel. Deshalb bekommt jeder Elfmeter einen festen Wert, der der historischen Trefferquote entspricht. In der Bundesliga liegt er bei 0,77, weil dort etwa 77 von 100 Elfmetern verwandelt werden. Opta setzt für Strafstöße einen Wert von 0,79 an. Schon an diesem einfachen Beispiel zeigt sich, dass verschiedene Modelle zu leicht unterschiedlichen Zahlen kommen.
xG nach einem Spiel richtig lesen
Für ein ganzes Spiel werden die Werte aller Schüsse addiert. Ein Rechenbeispiel: Ein Team gibt drei Schüsse ab, mit 0,40, 0,10 und 0,05 xG. Zusammen ergibt das 0,55 xG. Statistisch wäre also etwa ein halbes Tor zu erwarten gewesen.
Interessant wird der Vergleich zwischen xG und tatsächlichen Toren:
- Mehr Tore als xG: Das Team hat seine Chancen überdurchschnittlich gut genutzt, etwa durch starke Schützen oder durch Glück.
- Weniger Tore als xG: Das Team hat gute Chancen ausgelassen oder auf einen starken Torhüter getroffen.
- Hohe xG gegen sich: Die eigene Defensive hat dem Gegner zu viele gute Gelegenheiten erlaubt, unabhängig davon, wie viele Gegentore gefallen sind.
Auch die Verteilung zählt. Zwei Teams können beide auf 2,0 xG kommen: das eine mit zwei Großchancen, das andere mit zwanzig Fernschüssen. Das erste Team hat sich deutlich besser durchgesetzt, auch wenn die Summe gleich ist.
Warum die Werte je nach Anbieter abweichen
Es gibt keinen einheitlichen xG-Wert. Opta, die Bundesliga mit AWS und weitere Anbieter nutzen unterschiedliche Daten, Faktoren und Rechenverfahren. Für dasselbe Spiel können deshalb abweichende Zahlen kursieren. Wer Werte vergleicht, sollte immer dieselbe Quelle verwenden. In unseren Analysen nennen wir deshalb bei jeder xG-Angabe den Anbieter, wie in unseren redaktionellen Richtlinien beschrieben.
Die Grenzen von Expected Goals
- Nur Schüsse zählen: Eine Hereingabe, die knapp am Fuß des Stürmers vorbeirauscht, taucht in xG nicht auf, obwohl sie gefährlich war.
- Kleine Stichproben: In einem einzelnen Spiel entscheidet oft der Zufall. Aussagekräftig werden xG erst über viele Partien.
- Individuelle Klasse: Die meisten Modelle bewerten einen Schuss gleich, egal ob ein Weltklassestürmer oder ein Innenverteidiger abschließt.
- Spielstand: Ein Team, das früh führt, zieht sich oft zurück und lässt Chancen zu. Die xG-Bilanz wirkt dann schlechter, als das Spiel tatsächlich war.
Verwandte Kennzahlen
- npxG (Non-Penalty xG): xG ohne Elfmeter. Sinnvoll, weil Strafstöße den Wert eines Spielers stark aufblähen können.
- xGOT (Expected Goals on Target): bewertet den Schuss nach der Ausführung, also auch, wohin im Tor er geht. Damit lässt sich die Leistung von Schützen und Torhütern einschätzen.
- xA (Expected Assists): der xG-Wert der Chance, die ein Spieler mit seinem Pass vorbereitet hat. Er zeigt, wer gute Gelegenheiten kreiert, auch wenn der Mitspieler vergibt.
Woher die Kennzahl stammt
Die Idee ist älter, als viele denken. Der Begriff taucht bereits 1993 in einer wissenschaftlichen Arbeit von Vic Barnett und Sarah Hilditch auf. Im Eishockey entwickelte Alan Ryder 2004 ein frühes xG-Modell. Im Fußball machte Sam Green, damals Analyst bei Opta, die Kennzahl ab 2012 bekannt. In der Bundesliga gehören xGoals seit dem 28. Spieltag der Saison 2019/20 zu den offiziellen Bundesliga Match Facts und werden seitdem auch im Fernsehen eingeblendet.
Häufige Fragen
Was bedeutet xG im Fußball?
xG steht für Expected Goals, auf Deutsch erwartete Tore. Die Kennzahl gibt an, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Schuss zu einem Tor führt, gemessen an vergleichbaren Schüssen aus der Vergangenheit.
Was ist ein guter xG-Wert?
Das hängt vom Zusammenhang ab. Als grobe Orientierung gilt bei einem einzelnen Schuss ein Wert ab etwa 0,3 als gute Chance. Für ein Team im Spiel ist entscheidend, ob es mehr xG erzielt, als es zulässt.
Kann ein Team mit weniger xG gewinnen?
Ja, das passiert regelmäßig. xG beschreiben die Chancenqualität, nicht das Ergebnis. Effiziente Schützen, ein starker Torhüter oder schlicht Glück können den Ausschlag geben.
Wo finde ich xG-Werte zur Bundesliga?
Die offiziellen xGoals der Bundesliga werden in den Übertragungen, auf bundesliga.com und in der Bundesliga-App angezeigt. Daneben veröffentlichen verschiedene Statistikportale eigene Werte auf Basis anderer Modelle.
Das Verdikt
Expected Goals sind das nützlichste Werkzeug, um ein Spiel jenseits des Ergebnisses zu verstehen. Sie zeigen, wer sich die besseren Chancen erarbeitet hat, und sie entlarven Serien, die auf Glück gebaut sind. Als alleiniges Urteil taugen sie aber nicht. Wer xG liest, sollte immer auch auf den Spielverlauf, den Spielstand und die Quelle der Daten achten. Genau so nutzen wir die Kennzahl in unseren Analysen: als Beleg, nicht als Ersatz für den Blick aufs Spiel.
Quellen: Bundesliga, DFL, AWS, Opta Analyst
